Kapitel 6
Opioidkonsum und injizierender Drogenkonsum

Angebot und Verfügbarkeit von Heroin (159)

In Europa kommt importiertes Heroin in zwei Formen vor: als das allgemein verfügbare braune Heroin (Heroinbase) und als das weniger verbreitete und teurere weiße Heroin (in Salzform), das in der Regel aus Südostasien stammt. Daneben werden einige Opioide innerhalb der EU hergestellt. Dies ist jedoch hauptsächlich auf Produkte aus selbst angebautem Mohn (z. B. Mohnstroh, Mohnkonzentrat aus zerstoßenen Mohnstielen und -blüten) beschränkt, die in einigen östlichen EU-Ländern wie beispielsweise Litauen und Polen in geringen Mengen hergestellt werden. In Litauen hat sich der Markt für Mohnstiele und Mohnkonzentrat offenbar stabilisiert, während die Herstellung von „polnischem Heroin“ rückläufig sein dürfte (CND, 2006).

Herstellung und Handel

Das in Europa konsumierte Heroin wird vor allem in Afghanistan hergestellt, auf das nach wie vor bei weitem der größte Teil des illegalen Opiums entfällt. Im Jahr 2005 stammten 89 % des weltweit illegal hergestellten Opiums aus Afghanistan, gefolgt von Myanmar (7 %). Die weltweite Herstellung von illegalem Opium ist im Zeitraum zwischen 1999 und 2004 relativ stabil geblieben, mit Ausnahme des Jahres 2001, als ein vom Talibanregime in Afghanistan verhängtes Anbauverbot für Schlafmohn zu einem drastischen, aber nur kurzzeitigen Rückgang der Opiumherstellung führte. Im Jahr 2005 wurden schätzungsweise 4 670 Tonnen Opium hergestellt, das entspricht gegenüber 2004 einem Rückgang um 4 % (CND, 2006). Das weltweite Produktionspotenzial von Heroin wurde 2005 auf 472 Tonnen geschätzt (2004 waren es 495 Tonnen) (UNODC, 2006).

Heroin gelangt über zwei große Drogenhandelsrouten nach Europa. Die traditionell wichtige Balkanroute spielt weiterhin eine wesentliche Rolle im Heroinschmuggel. Nach dem Transit durch Pakistan, den Iran und die Türkei gabelt sich die Route in einen südlichen und einen nördlichen Teil: Die südliche Route führt durch Griechenland, die ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien (FYROM), Albanien, Italien, Serbien und Montenegro sowie Bosnien-Herzegowina, während die nördliche Route durch Bulgarien, Rumänien, Ungarn, Österreich, Deutschland und die Niederlande führt, wobei die Niederlande als ein zweiter wichtiger Umschlagplatz für den Weitertransport in andere westeuropäische Länder dienen. Die im Jahr 2004 gemeldeten Sicherstellungen von Heroin lassen darauf schließen, dass über die südliche Route inzwischen ebenso große Mengen geschmuggelt werden wie über die nördliche (WZO, 2005; INCB, 2006a). Seit Mitte der 90er Jahre wird Heroin zunehmend (jedoch in geringerem Umfang als über die Balkanrouten) entlang der „Seidenstraße“ über Zentralasien (insbesondere Turkmenistan, Tadschikistan, Kirgisistan und Usbekistan), das Kaspische Meer und die Russische Föderation, Weißrussland oder die Ukraine nach Estland, Lettland, in einige skandinavische Länder und nach Deutschland geschmuggelt (nationale Reitox-Berichte, 2005; CND, 2006; INCB, 2006a). Neben diesen Hauptrouten haben sich aber auch Länder der Arabischen Halbinsel (Oman, Vereinigte Arabische Emirate) zu Transitregionen für Heroinlieferungen aus Süd- und Südwestasien nach Europa entwickelt (INCB, 2006a). Darüber hinaus wurde im Jahr 2004 für Europa (und Nordamerika) bestimmtes Heroin in Ost- und Westafrika, der Karibik sowie Mittel- und Südamerika sichergestellt (CND, 2006).

Sicherstellungen

Im Jahr 2004 wurden weltweit 210 Tonnen Opium (mit einem Herstellungspotenzial von 21 Tonnen Heroin), 39,3 Tonnen Morphin und 59,2 Tonnen Heroin sichergestellt. Nach wie vor entfiel der Großteil des weltweit sichergestellten Heroins auf Asien (50 %) und Europa (40 %). Der Anteil Europas nimmt zu, was weitgehend darauf zurückzuführen ist, dass die Sicherstellungen in südosteuropäischen Ländern (Türkei) zugenommen und nun erstmals die in West- und Mitteleuropa beschlagnahmten Mengen überstiegen haben (CND, 2006).

Im Jahr 2004 wurden in den Berichtsländern bei schätzungsweise 46 000 Sicherstellungen etwa 19 Tonnen Heroin beschlagnahmt. Dabei entfielen weiterhin die meisten Sicherstellungen auf das Vereinigte Königreich, gefolgt von Deutschland und Italien, während in der Türkei (gefolgt von Italien und dem Vereinigten Königreich) mit etwa der Hälfte der 2004 sichergestellten Gesamtmenge die größten Heroinmengen beschlagnahmt wurden (160). Die Zahl der Sicherstellungen von Heroin schwankte im Zeitraum von 1999 bis 2004, und den Daten der Berichtsländer zufolge wurde im Anschluss an den 2002/2003 beobachteten Rückgang im Jahr 2004 eine Zunahme verzeichnet (161). Die sichergestellten Mengen stiegen im Fünfjahreszeitraum von 1999 bis 2004 kontinuierlich an und erreichten im Jahr 2004 ein Rekordniveau. Dies war weitgehend darauf zurückzuführen, dass sich die Menge des in der Türkei sichergestellten Heroins 2004 gegenüber dem Vorjahr nahezu verdoppelt hat (162).

Preis und Reinheit

Im Jahr 2004 gab es zwischen den europäischen Ländern große Unterschiede hinsichtlich der durchschnittlichen Heroinpreise: Der durchschnittliche Verkaufspreis für braunes Heroin lag zwischen 12 EUR pro Gramm in der Türkei und 141 EUR pro Gramm in Schweden, während weißes Heroin zu durchschnittlichen Verkaufspreisen zwischen 31 EUR pro Gramm in Belgien und 202 EUR pro Gramm in Schweden gehandelt wurde und sich die Preise für nicht spezifiziertes Heroin zwischen 35 EUR pro Gramm in Slowenien und 82 EUR pro Gramm im Vereinigten Königreich bewegten (163). Im Zeitraum 1999 bis 2004 sanken die durchschnittlichen inflationsbereinigten Heroinpreise (164) den verfügbaren Daten zufolge in den meisten Berichtsländern (165).

Der durchschnittliche Reinheitsgrad des konsumierten braunen Heroins lag 2004 zwischen 10 % in Bulgarien und 48 % in der Türkei, während die Reinheit des weißen Heroins von 20 % in Deutschland bis zu 63 % in Dänemark reichte und die Reinheit des nicht spezifizierten Heroins zwischen 16 % in Ungarn und 42 % bis 50 % (166) in den Niederlanden lag (167). Da der durchschnittliche Reinheitsgrad von Heroinprodukten in den meisten Berichtsländern (168) seit 1999 schwankt, ist es kaum möglich, eine Gesamttendenz zu ermitteln.

Internationale Maßnahmen gegen Herstellung und Handel von Heroin

Essigsäureanhydrid (169) ist ein wichtiger Grundstoff, der zur illegalen Herstellung von Heroin eingesetzt wird. Die „Operation Topaz“ ist eine internationale Initiative zur Überwachung des legalen Handels mit Essigsäureanhydrid, in deren Rahmen auch nach den für die Abzweigung genutzten Methoden und Routen gefahndet wird (INCB, 2006b). Da erhebliche Mengen von Essigsäureanhydrid legal gehandelt werden, ist eine Kontrolle nur schwer möglich. Dies wird durch die Tatsache verdeutlicht, dass seit dem Jahr 2001 22 exportierende Länder/Gebiete 7 684 Vorabmeldungen über Ausfuhren von insgesamt mehr als 1 350 000 Tonnen Essigsäureanhydrid an das INCB erstattet haben. Die Sicherstellungen in der Türkei (1 600 Liter im Jahr 2004) sind in den letzten Jahren stark zurückgegangen, was möglicherweise darauf hinweist, dass die Drogenhändler neue Routen und Methoden für die Abzweigung entwickelt haben. Im Jahr 2004 wurde in Europa (Bulgarien) erstmals Essigsäureanhydrid sichergestellt, das nachweislich aus Südwestasien stammte (INCB, 2006b).

Zwar haben sich einige Elemente der „Operation Topaz“ im Zusammenhang mit der Überwachung des internationalen Handels als erfolgreich erwiesen, jedoch wurden bei der Ermittlung und Stilllegung von Routen, die für den Schmuggel von Essigsäureanhydrid innerhalb Afghanistans und in seine Nachbarländer genutzt werden, kaum Fortschritte erzielt (INCB, 2006b).

Das von Europol durchgeführte Projekt Mustard zielt auf die Ermittlung und Bekämpfung türkischer krimineller Vereinigungen und mit ihnen kooperierender krimineller Gruppierungen ab, deren Tätigkeit auf die EU ausgerichtet ist oder die innerhalb der EU agieren und in erster Linie mit dem Handel von Drogen, insbesondere von Heroin, befasst sind. Im Rahmen des Projekts wird operative Unterstützung bei laufenden Ermittlungsverfahren in den teilnehmenden Ländern geleistet und die strategische Intelligence ausgebaut, indem Einblicke in die Tätigkeiten türkischer Vereinigungen der organisierten Kriminalität und mit ihnen kooperierender Gruppierungen ermöglicht werden (Europol, 2006).

Prävalenzschätzungen des problematischen Opioidkonsums

Die Daten in diesem Abschnitt wurden vom EBDD-Indikator für problematischen Drogenkonsum abgeleitet, der als „injizierender bzw. langjähriger oder regelmäßiger Konsum von Heroin, Kokain und/oder Amphetaminen“ definiert wird. In der Vergangenheit bezogen sich die Schätzungen für problematischen Drogenkonsum im Wesentlichen auf den Konsum von Heroin. Wie an anderer Stelle in diesem Bericht erläutert, wird allerdings in einigen Ländern auch großes Augenmerk auf die Konsumenten von Amphetaminen gelegt.


Abbildung 8 Schätzungen der Prävalenz des problematischen Opioid- und Stimulanzienkonsums, 2000 bis 2004 (Anteil je 1 000 Einwohner im Alter von 15 bis 64 Jahren)

Abbildung 8

Anmerkung:

Rote Vierecke bezeichnen den Konsum von Stimulanzien, die übrigen Schätzwerten beziehen sich auf den Opioidkonsum. CR = Capture-Recapture (Fang-Wiederfang); TM = Treatment Multiplier (Behandlungsmultiplikator); PM = Police Multiplier (Polizei-Multiplikator); MI = Multivariate Indicator; MM = Mortality Multiplier (Mortalitätsmultiplikator); TP = Truncated Poisson; CM = Combined Methods (kombinierte Methoden). Weitere Einzelheiten sind den Tabellen PDU-1, PDU-2 und PDU-3 im Statistical Bulletin 2006 zu entnehmen. Das Symbol bezeichnet eine Punktschätzung, ein Balken ein Unsicherheitsintervall, das entweder ein 95 %-Konfidenzintervall oder ein Intervall auf der Grundlage einer Sensitivitätsanalyse sein kann. Aufgrund der verschiedenen Methoden und Datenquellen können die Zielgruppen geringfügig voneinander abweichen; die Daten sollten daher mit Vorsicht verglichen werden.

Quellen:

Nationale Knotenpunkte.

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Bei der Interpretation der Schätzungen für den problematischen Opioidkonsum ist zu bedenken, dass die Konsummuster zunehmend unterschiedliche Formen annehmen. Beispielsweise hat der polyvalente Drogenkonsum in den meisten Ländern nach und nach zugenommen, während andere Länder, in denen traditionell Probleme mit Opioiden vorherrschten, inzwischen von einer Hinwendung zu anderen Drogen berichten. Mittlerweile geht man davon aus, dass die meisten Heroinkonsumenten neben Opioiden auch Stimulanzien und andere Drogen einnehmen, wobei es jedoch sehr schwer ist, auf EU-Ebene Daten über den polyvalenten Drogenkonsum zu erheben (siehe Kapitel 8).


Kasten 14: Drogenkonsumenten in Haftanstalten

Es liegen nur lückenhafte Informationen über den Drogenkonsum unter Haftinsassen vor. Viele der in Europa verfügbaren Daten stammen aus Ad-hoc-Studien, die zuweilen auf unterschiedlich großen Stichproben beruhen und auf lokaler Ebene in nicht für den nationalen Strafvollzug repräsentativen Einrichtungen durchgeführt wurden. Aufgrund der unterschiedlichen Merkmale der untersuchten Bevölkerungsgruppen können somit nur in begrenztem Maße Vergleiche der Daten aus den einzelnen Erhebungen – sowohl innerhalb als auch zwischen den Ländern –, Extrapolationen der Ergebnisse und Trendanalysen vorgenommen werden.

Die meisten europäischen Länder (1) haben Daten über den Drogenkonsum unter Haftinsassen in den letzten fünf Jahren (1999 bis 2004) bereitgestellt. Diese belegen, dass Drogenkonsumenten im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung im Strafvollzug überrepräsentiert sind. In den einzelnen Gefängnissen und anderen Hafteinrichtungen gaben unterschiedlich große Anteile der Insassen an, jemals eine illegale Droge konsumiert zu haben. Die Durchschnittsraten lagen jedoch zwischen einem Drittel oder weniger in Ungarn und Bulgarien und zwei Dritteln oder mehr in den Niederlanden, dem Vereinigten Königreich und Norwegen, wobei die meisten Länder Lebenszeitprävalenzraten von etwa 50 % meldeten (Belgien, Griechenland, Lettland, Portugal, Finnland). Cannabis ist unter Haftinsassen nach wie vor die am häufigsten konsumierte illegale Droge: Die Lebenszeitprävalenzraten des Cannabiskonsums liegen in dieser Bevölkerungsgruppe zwischen 4 % und 86 %, gegenüber 3 % bis 57 % für Kokain, 2 % bis 59 % für Amphetamine und 4 % bis 60 % für Heroin (2).

Zwischen 8 % und 73 % der Insassen geben an, vor ihrer Inhaftierung regelmäßig Drogen konsumiert zu haben oder abhängig gewesen zu sein, während die Lebenszeitprävalenz des injizierenden Drogenkonsums unter den Haftinsassen zwischen 7 % bis 38 % liegt (3).

Zwar reduziert oder beendet die Mehrheit der Drogenkonsumenten den Drogenkonsum bei Haftantritt, jedoch setzen einige Haftinsassen den Drogenkonsum in der Haftanstalt fort, während andere dort erst mit dem Konsum (und/oder der Injektion) von Drogen beginnen. Aus den vorliegenden Studien geht hervor, dass zwischen 8 % und 51 % der Haftinsassen während der Inhaftierung Drogen konsumiert haben, wobei 10 % bis 42 % berichteten, regelmäßig Drogen konsumiert zu haben, und 1 % bis 15 % angaben, in der Haftanstalt Drogen injiziert zu haben (4). Dies wirft Fragen bezüglich der Gefahr der Verbreitung von Infektionskrankheiten auf, insbesondere im Zusammenhang mit dem Zugang zu sterilem Spritzenbesteck und den Verfahren des Nadelaustausches unter Haftinsassen.

Wiederholte Studien in der Tschechischen Republik (1996 bis 2002), Dänemark (1995 bis 2002), Litauen (2003/2004), Ungarn (1997 und 2004), Slowenien (2003/2004) und Schweden (1997 bis 2004) belegen einen Anstieg der Prävalenz unterschiedlicher Formen des Drogenkonsums unter Haftinsassen, während Frankreich (1997 und 2003) einen erheblichen Rückgang des Anteils der injizierenden Drogenkonsumenten an den Haftinsassen meldet (5).

(1) Belgien, die Tschechische Republik, Dänemark, Deutschland, Griechenland, Frankreich, Irland, Italien, Lettland, Litauen, Ungarn, Malta, die Niederlande, Österreich, Portugal, Slowenien, die Slowakei, Finnland, Schweden, das Vereinigte Königreich, Bulgarien und Norwegen berichteten über in den letzten fünf Jahren (1999 bis 2004) durchgeführte Studien und stellten Daten über die Muster des Drogenkonsums unter Haftinsassen bereit.

(2) Siehe Tabelle DUP-1 und Abbildung DUP-1 im Statistical Bulletin 2006.

(3) Siehe Tabellen DUP-2 und DUP-5 im Statistical Bulletin 2006.

(4) Siehe Tabellen DUP-3 und DUP-4 im Statistical Bulletin 2006.

(5) Siehe Tabelle DUP-5 im Statistical Bulletin 2006.


Ungeachtet der allgemeinen Tendenz zu einer Diversifizierung des Phänomens basieren in vielen Ländern die Schätzungen für den problematischen Drogenkonsum ausschließlich auf dem problematischen Konsum von Heroin oder anderen Opioiden als Primärdroge. Dies geht aus den Prävalenzschätzungen für den problematischen Opioidkonsum hervor (siehe Abbildung 8), die weitgehend mit den Schätzungen für den problematischen Drogenkonsum übereinstimmen (170). Unklar ist, ob in anderen Ländern die Prävalenz des problematischen Konsums anderer Drogen als Opioiden nahezu vernachlässigt werden kann oder ob es vielmehr zu schwierig ist, Schätzungen über den möglicherweise erheblichen Konsum vorzunehmen.

Die Zahl der problematischen Opioidkonsumenten ist schwer zu schätzen, und es sind komplexe Analysen erforderlich, um aus den verfügbaren Datenquellen Prävalenzraten zu gewinnen. Darüber hinaus beziehen sich die Schätzungen häufig auf bestimmte geografisch eingegrenzte Gebiete, und bei der Extrapolation auf nationale Schätzungen werden nicht unbedingt zuverlässige Ergebnisse erzielt.

Für den Zeitraum 2000 bis 2004 liegen die Schätzungen der Prävalenz des problematischen Opioidkonsums auf nationaler Ebene zwischen einem und acht Fällen je 1 000 Erwachsene im Alter zwischen 15 und 64 Jahren (bezogen auf die mittleren Schätzwerte). Hinsichtlich der geschätzten Prävalenzraten für den problematischen Opioidkonsum gibt es offenbar große Unterschiede zwischen den Ländern; andererseits ist festzustellen, dass auch wenn innerhalb eines Landes unterschiedliche Verfahren angewendet wurden, weitgehend kohärente Ergebnisse erzielt wurden. Höhere Schätzwerte für den problematischen Opioidkonsum meldeten Irland, Italien, Luxemburg, Malta und Österreich (fünf bis acht Fälle je 1 000 Einwohner im Alter zwischen 15 und 64 Jahren), während die Tschechische Republik, Deutschland, Griechenland, Zypern, Lettland und die Niederlande niedrigere Raten meldeten (weniger als vier Fälle je 1 000 Einwohner im Alter zwischen 15 und 64 Jahren) (Abbildung 8). Einige der niedrigsten gut dokumentierten Schätzungen liegen nun aus den neuen EU-Mitgliedstaaten vor, wobei jedoch aus Malta eine höhere Prävalenz gemeldet wurde (5,4 bis 6,2 Fälle je 1 000 Einwohner im Alter zwischen 15 und 64 Jahren). Aus den begrenzten Daten kann für die gesamte EU eine Prävalenz des problematischen Opioidkonsums zwischen zwei und acht Fällen je 1 000 Einwohner im Alter zwischen 15 und 64 Jahren errechnet werden. Diese Schätzungen sind jedoch bei weitem nicht verlässlich und müssen präzisiert werden, wenn mehr Daten vorliegen.

Auf lokaler und regionaler Ebene sind keine Schätzungen speziell über den problematischen Opioidkonsum verfügbar. Die vorliegenden Daten über den problematischen Drogenkonsum (einschließlich des Konsums von Stimulanzien und anderen Drogen) lassen jedoch darauf schließen, dass es hinsichtlich der Prävalenz große Unterschiede zwischen den Städten und Regionen gibt. Mit Raten zwischen 15 und 25 problematischen Drogenkonsumenten je 1 000 Erwachsene im Alter zwischen 15 und 64 Jahren wurden die höchsten lokalen Prävalenzschätzungen für den Zeitraum 2000 bis 2004 aus Irland, Portugal, der Slowakei und dem Vereinigten Königreich gemeldet (171). Erwartungsgemäß wurden auch auf lokaler Ebene erhebliche geografische Unterschiede festgestellt: Beispielsweise variieren die Prävalenzschätzungen in unterschiedlichen Teilen Londons zwischen sechs und 25 Fällen je 1 000 Erwachsene im Alter zwischen 15 und 64 Jahren. Aufgrund der großen Spannweite der lokalen Prävalenzraten ist eine Verallgemeinerung kaum möglich.

Tendenzen des problematischen Opioidkonsums im Zeitverlauf


Abbildung 9 Tendenzen bei der Prävalenz des problematischen Opioidkonsums, 1995 bis 2004 (Anteil je 1 000 Einwohner im Alter von 15 bis 64 Jahren)

Abbildung 9

Anmerkung:

Im Falle ähnlicher Methoden während des gesamten Zeitraums wurden Zeitreihen kombiniert. Weitere Informationen sind den Tabellen PDU-1, PDU-2 und PDU-3 im Statistical Bulletin 2006 zu entnehmen.

(1) Schätzungen für die Altersgruppe 18–64 Jahre.

(2) Berechnet anhand der Daten für die Altersgruppe 15–54 Jahre.

Quellen:

Nationale Knotenpunkte.

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Das Fehlen verlässlicher und konsistenter historischer Daten erschwert die Auswertung der Tendenzen des problematischen Drogenkonsums im Zeitverlauf. Die erhobenen Evidenzdaten belegen, dass es hinsichtlich der Prävalenz des problematischen Opioidkonsums große Unterschiede zwischen den Ländern gibt und für die EU keine einheitlichen Tendenzen festgestellt werden können. Die Berichte einiger Länder, die durch andere Indikatordaten gestützt werden, lassen den Schluss zu, dass der problematische Opioidkonsum von Mitte bis Ende der 90er Jahre weiter zugenommen (Abbildung 9), sich jedoch in den letzten Jahren offenbar stabilisiert hat oder geringfügig gesunken ist. Wiederholte Schätzungen des problematischen Opioidkonsums für den Zeitraum 2000 bis 2004 liegen aus sieben Ländern (aus der Tschechischen Republik, Deutschland, Griechenland, Spanien, Irland, Italien, Österreich) vor: Vier Länder (die Tschechische Republik, Deutschland, Griechenland, Spanien) verzeichneten einen Rückgang des problematischen Opioidkonsums, während ein Land eine Zunahme des Konsums meldete (Österreich, dessen Daten jedoch nur schwer interpretiert werden können, da das Datenerfassungssystem während dieses Zeitraums geändert wurde). Die bei Erstpatienten erhobenen Evidenzdaten weisen darauf hin, dass die Inzidenz des problematischen Opioidkonsums insgesamt langsam zurückgehen könnte und daher in naher Zukunft sinkende Prävalenzraten zu erwarten sind.

Injizierender Drogenkonsum

Bei injizierenden Drogenkonsumenten (IDU) ist das Risiko gravierender Folgen wie schwerer Infektionskrankheiten oder Überdosen sehr hoch. Daher ist eine gesonderte Betrachtung des injizierenden Drogenkonsums wichtig.

Nur wenige Länder stellen auf nationaler oder subnationaler Ebene Schätzungen für den injizierenden Drogenkonsum zur Verfügung, obwohl diese für die öffentliche Gesundheit von großer Bedeutung sind (172). In diesem Abschnitt werden die Schätzungen über IDU aufgrund der wenigen verfügbaren Daten nicht nach Primärdroge gegliedert, wobei die Tendenzen beim Anteil der IDU an den in Behandlung befindlichen Heroinkonsumenten (siehe unten) natürlich auf die spezielle Situation Heroin injizierender Konsumenten übertragbar sind.

Die meisten verfügbaren Schätzungen für den injizierenden Drogenkonsum wurden entweder von den Raten der durch eine Überdosis bedingten Todesfälle oder den Daten über Infektionskrankheiten (wie HIV) abgeleitet. Die verfügbaren Schätzungen der einzelnen Länder weisen erhebliche Unterschiede auf: Seit dem Jahr 2000 lagen die Schätzungen auf nationaler Ebene vorwiegend zwischen einem und sechs Fällen je 1 000 Einwohner im Alter zwischen 15 und 64 Jahren, wobei bis zum Jahr 2000 einige höhere Schätzungen gemeldet wurden. Seit dem Jahr 2000 melden unter den Ländern, die Schätzungen übermittelt haben, Luxemburg und Österreich mit etwa sechs Fällen je 1 000 Einwohner im Alter zwischen 15 und 64 Jahren die höchsten nationalen Prävalenzraten für den injizierenden Drogenkonsum, während Zypern und Griechenland mit knapp über einem Fall je 1 000 Erwachsene die niedrigste Schätzung vorgelegt haben.

Soweit Daten zu Tendenzen im Zeitverlauf vorliegen, zeigen diese kein allgemeines Muster, sondern belegen in einigen Ländern und Regionen (beispielsweise in Schottland im Vereinigten Königreich) einen Rückgang und in anderen eine Zunahme der Raten. Aufgrund der fehlenden Daten in diesem Bereich ist es jedoch unmöglich, sich ein eindeutiges Bild zu verschaffen.

Die Beobachtung des Anteils der aktuellen injizierenden Drogenkonsumenten an den Heroinkonsumenten, die sich in Behandlung begeben, stellt für die Beobachtung der Prävalenz des injizierenden Drogenkonsums in der Allgemeinbevölkerung eine wichtige Ergänzung dar. Dabei ist jedoch daran zu erinnern, dass die beobachteten Anteile nicht notwendigerweise Tendenzen bei der Prävalenz des gesamten injizierenden Drogenkonsums widerspiegeln. Beispielsweise sind in Ländern mit einem hohen Anteil an Konsumenten von Stimulanzien (Tschechische Republik, Slowakei, Finnland, Schweden) die Anteile der injizierenden Konsumenten an den Heroinkonsumenten unter Umständen nicht repräsentativ für die Gesamtsituation.

Der Anteil der IDU an den Heroinkonsumenten, die sich in Behandlung befinden, lässt hinsichtlich der Prävalenz des injizierenden Drogenkonsums erneut deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern und schwankende Tendenzen im Zeitverlauf erkennen (173). In einigen Ländern (in Spanien, den Niederlanden und Portugal) ist der Anteil der injizierenden Heroinkonsumenten an allen Heroinpatienten relativ klein, wohingegen der injizierende Heroinkonsum in anderen Ländern offenbar noch immer die gängigste Form des Heroinkonsums darstellt. In einigen EU-15-Mitgliedstaaten, für die Daten zur Verfügung stehen (in Dänemark, Griechenland, Spanien, Frankreich, Italien und dem Vereinigten Königreich) ist der injizierende Heroinkonsum unter in Behandlung befindlichen Heroinkonsumenten zurückgegangen. In den meisten neuen Mitgliedstaaten, zumindest in jenen, für die Daten vorliegen, bilden die injizierenden Konsumenten einen großen Anteil aller Heroinkonsumenten, die sich in Behandlung begeben.

Daten zur Behandlungsnachfrage (174)

In vielen Ländern werden nach wie vor Opioide (vor allem Heroin) von den meisten Patienten, die sich in Behandlung begeben, als Primärdroge angegeben. In etwa 60 % der im Jahr 2004 insgesamt zum Indikator Behandlungsnachfrage gemeldeten Fälle wurden Opioide als Primärdroge erfasst, wobei etwas mehr als die Hälfte (53 %) dieser Patienten angab, die Droge zu injizieren (175). Es ist darauf hinzuweisen, dass der Indikator Behandlungsnachfrage nicht alle Patienten erfasst, die sich wegen Opioidkonsums in Behandlung befinden – ihre Zahl ist erheblich größer –, sondern lediglich jene Patienten, die sich während des Berichtsjahrs in Behandlung begeben haben.

Die einzelnen Länder verzeichnen unterschiedliche Anteile von Patienten, die sich wegen des Konsums von Heroin in Behandlung begeben. Auf der Grundlage der jüngsten verfügbaren Daten lassen sich die Länder je nach dem Anteil der Heroinabhängigen an den sich in Behandlung begebenden Drogenkonsumenten wie folgt in drei Gruppen unterteilen:

  • unter 50 % – Tschechische Republik, Dänemark, Ungarn, die Niederlande, Polen, Slowakei, Finnland, Schweden;

  • 50 % bis 70 % – Deutschland, Spanien, Frankreich, Irland, Zypern, Lettland, Portugal, Vereinigtes Königreich, Rumänien;

  • über 70 % – Griechenland, Italien, Litauen, Luxemburg, Malta, Slowenien und Bulgarien (176).

Zu den Ländern, in denen ein erheblicher Anteil der Opioidpatienten andere Substanzen als Heroin konsumiert, gehören unter anderem Ungarn und Finnland. In Ungarn ist der Konsum von Produkten aus selbst angebautem Mohn weit verbreitet, während in Finnland die meisten Opioidpatienten Buprenorphin konsumieren (177).

Ebenso wie die meisten Konsumenten anderer Drogen begeben sich auch die meisten Opioidkonsumenten in ambulanten Einrichtungen in Behandlung. Verglichen mit den Kokain- und Cannabispatienten wird jedoch ein größerer Anteil der Opioidpatienten in stationären Einrichtungen behandelt.

Die meisten Länder, in denen jährlich viele Heroinpatienten erstmals eine Behandlung beantragen (mit Ausnahme Deutschlands, wo die Basis für die Berichterstattung erweitert wurde), berichten über einen Rückgang der Heroinpatienten in den letzten vier bis fünf Jahren, allerdings nicht bei den Patienten, die sich bereits zuvor in Behandlung befanden. Die Zahl der wiederholten Behandlungsanträge ist insgesamt nicht zurückgegangen, und in den meisten Ländern ist die Gesamtzahl der Behandlungsnachfragen wegen des Konsums von Heroin in etwa stabil geblieben. Bemerkenswerte Ausnahmen bilden Deutschland und das Vereinigte Königreich, wo die Gesamtzahl der gemeldeten Behandlungsnachfragen gestiegen ist. Insgesamt ist jedoch der prozentuale Anteil der Behandlungsnachfragen (sowohl der wiederholten als auch der neuen Behandlungsnachfragen) im Zusammenhang mit Heroin zurückgegangen. Im Falle der neuen Nachfragen ist er zwischen 1999 und 2004 von etwa zwei Dritteln auf etwa 40 % gesunken, während die Zahl der Behandlungsnachfragen wegen des Konsums von Cannabis oder Kokain gestiegen ist (178).

Bereits in den Vorjahren wurde über das zunehmende Alter der Patienten berichtet, die eine Behandlung wegen des Konsums von Opioiden beantragen. Diese Tendenz setzte sich im Jahr 2004 fort. Fast alle Opioidkonsumenten, die sich in Behandlung begeben, sind älter als 20 Jahre, wobei fast die Hälfte bereits die 30 überschritten hat. Die auf europäischer Ebene verfügbaren Daten zeigen, dass die wenigsten Opioidkonsumenten (unter 7 %) jünger als 20 Jahre sind, wenn sie das erste Mal Hilfe in Anspruch nehmen (179). Vereinzelt wird über sehr junge Menschen (im Alter von unter 15 Jahren) berichtet, die sich wegen des Konsums von Heroin in Behandlung begeben (180), beispielsweise Kinder zwischen 11 und 12 Jahren in Sofia, Bulgarien. Im Allgemeinen werden jedoch Behandlungen im Zusammenhang mit Heroin offenbar nur selten von Jugendlichen nachgefragt.

Im Zusammenhang mit Opioidpatienten werden in den Berichten soziale Ausgrenzung, niedriges Bildungsniveau, hohe Arbeitslosenraten und häufig instabile Wohnverhältnisse genannt. Beispielsweise berichtet Spanien, dass 17 % bis 18 % der Opioidpatienten obdachlos sind.

Die meisten Opioidpatienten geben an, diese Drogen erstmals im Alter zwischen 15 und 24 Jahren konsumiert zu haben, wobei etwa 50 % der Patienten jünger als 20 Jahre waren, als sie die Droge zum ersten Mal konsumiert haben (181). Da zwischen dem Erstkonsum und der ersten Behandlungsnachfrage in der Regel fünf bis zehn Jahre und zwischen dem Einstieg und dem regelmäßigen Drogenkonsum schätzungsweise 1,5 bis 2,5 Jahre vergehen (nationaler Bericht Finnlands), kann davon ausgegangen werden, dass Opioidpatienten meistens erstmals eine spezialisierte Behandlung in Anspruch nehmen, wenn sie bereits drei bis sieben Jahre regelmäßig Drogen konsumiert haben.

Knapp über die Hälfte aller neuen Opioidpatienten, die europaweit eine Behandlung in ambulanten Einrichtungen in Anspruch nehmen und bei denen die Applikationsform bekannt ist, injiziert die Droge. Insgesamt sind die Anteile der injizierenden Konsumenten an den Opioidkonsumenten, die eine Behandlung beantragen, in den neuen Mitgliedstaaten (über 60 %) höher als in den EU-15-Mitgliedstaaten (unter 60 %). Eine Ausnahme bilden Italien und Finnland, wo der Anteil der injizierenden Opioidkonsumenten an den Opioidpatienten 74 % bzw. 79,3 % beträgt. Der niedrigste Anteil der injizierenden Opioidpatienten wird aus den Niederlanden gemeldet (13 %), während der höchste Anteil dieser Patienten in Lettland (86 %) festgestellt wurde (182).

Behandlung der Opioidabhängigkeit

In der EU-Drogenstrategie 2005-1012 wird der Verbesserung der Verfügbarkeit und Zugänglichkeit von Therapieprogrammen hohe Priorität eingeräumt. Die Mitgliedstaaten werden aufgefordert, eine umfassende Palette wirksamer Therapieprogramme anzubieten. In der Vergangenheit bildete die stationäre Therapie einen wichtigen Rahmen für die Behandlung problematischer Opioidkonsumenten. Da jedoch immer mehr unterschiedliche Behandlungsoptionen verfügbar sind und vor allem die Substitutionsbehandlung in erheblich höherem Maße eingesetzt wird, hat die relative Bedeutung der stationären Behandlung abgenommen.

In Europa liegen gegenwärtig nur in begrenztem Maße Daten über die relative Verfügbarkeit unterschiedlicher Therapieformen für Probleme im Zusammenhang mit Opioiden vor. In Beantwortung eines EBDD-Fragebogens gaben Fachleute in den meisten (16) Mitgliedstaaten an, dass die Substitutionsbehandlung die am häufigsten angebotene Therapieform darstellt. In vier Ländern (Tschechische Republik, Ungarn, Polen und Slowakei) sind den Berichten zufolge drogenfreie Behandlungen weiter verbreitet, und zwei Länder (Spanien und Schweden) melden ein ausgewogenes Verhältnis zwischen medikamentengestützten und drogenfreien Therapieformen.

In allen EU-Mitgliedstaaten (183) sowie in Bulgarien, Rumänien und Norwegen werden Substitutionstherapien für Opioidabhängige (vor allem Therapien mit Methadon oder Buprenorphin) angeboten, wobei nunmehr auf europäischer Ebene ein breiter Konsens darüber besteht, dass dieser Ansatz für die Behandlung problematischer Opioidkonsumenten sehr gut geeignet ist. In einigen Ländern stellt die Substitutionstherapie allerdings noch immer ein heikles Thema dar (siehe Kapitel 2). Die Rolle der Substitutionstherapie wird international immer weniger kontrovers diskutiert. Das System der Vereinten Nationen verabschiedete im Jahr 2004 ein gemeinsames Positionspapier zur substitutionsgestützten Erhaltungstherapie (WHO/UNODC/UNAIDS, 2004), und im Juni 2006 nahm die WHO sowohl Methadon als auch Buprenorphin in ihre Liste der unentbehrlichen Medikamente auf.

Inzwischen liegen tragfähige Evidenzdaten über den Wert von Substitutionsprogrammen vor, bei denen Drogen wie Methadon oder Buprenorphin eingesetzt werden. Studien belegen, dass die Substitutionstherapie positive Ergebnisse zeitigt: Verringerung des Konsums illegaler Drogen, niedrigere Raten des injizierenden Drogenkonsums, Eindämmung riskanter Verhaltensweisen im Hinblick auf die Verbreitung von HIV oder anderen Infektionskrankheiten, wie beispielsweise die gemeinsame Nutzung von Spritzenbesteck, und Verbesserungen sowohl des Sozialverhaltens als auch des Gesundheitszustands insgesamt. Bei Forschungsarbeiten wurde ferner festgestellt, dass unter Umständen auch die kriminellen Aktivitäten nachlassen und das ausreichende Angebot von Substitutionstherapien Einfluss auf die Zahl der drogenbedingten Todesfälle haben kann. Optimale Ergebnisse können nur unter der Voraussetzung erzielt werden, dass die Therapie rechtzeitig aufgenommen wird, der Patient über einen ausreichenden Zeitraum hinweg kontinuierlich behandelt wird und die Medikamente in angemessenen Dosen verabreicht werden.

Während die methadongestützte Therapie in Europa nach wie vor die am häufigsten verschriebene Substitutionsbehandlung darstellt, werden zunehmend auch andere Therapieformen angeboten: Buprenorphin ist derzeit in 19 EU-Ländern sowie in Bulgarien und Norwegen verfügbar, wobei jedoch unklar ist, ob es in allen Ländern, in denen es den Berichten zufolge eingesetzt wird, offiziell für die Erhaltungstherapie zugelassen ist. Angesichts der Tatsache, dass die hochdosierte Buprenorphintherapie in Europa erst vor zehn Jahren eingeführt wurde, hat sich diese Therapieform bemerkenswert schnell durchgesetzt (siehe Abbildung 1) (184).

Die langfristige Drogensubstitution ist nicht die einzige Zielsetzung der opioidgestützten Pharmakotherapie. Methadon und Buprenorphin werden auch bei der Opiod-Entzugstherapie eingesetzt, wenn das therapeutische Ziel darin besteht, dem Einzelnen zu helfen, abstinent zu werden, indem ihm über einen bestimmten Zeitraum hinweg eine abnehmende Dosis verabreicht und so die quälenden Entzugserscheinungen gemildert werden. Der Opioid-Antagonist Naltrexon wird zuweilen in der aversiven Pharmakotherapie der Opioidabhängigkeit eingesetzt, um Rückfälle zu vermeiden, da es die Wirkung von Heroin neutralisiert. Über den therapeutischen Nutzen dieser Droge liegen jedoch bisher nur wenig aufschlussreiche Evidenzdaten vor.

In einigen Ländern (in Deutschland, Spanien, den Niederlanden und im Vereinigten Königreich) gibt es außerdem Heroinverschreibungsprogramme, wobei jedoch verglichen mit anderen Drogensubstitutionsbehandlungen nur wenige Patienten eine solche Therapie erhalten (vermutlich weniger als 1 % aller Patienten). Diese Therapieform wird weiterhin kontrovers diskutiert und wird in der Regel im Rahmen wissenschaftlicher Versuche für Langzeitkonsumenten angeboten, bei denen andere Behandlungsmaßnahmen gescheitert sind.

Im Zuge einer vor kurzem durchgeführten Studie über die Wirksamkeit der Drogentherapie bei der Prävention der Übertragung von HIV wurde festgestellt, dass verhaltensorientierte Maßnahmen die positiven Effekte der Substitutionsbehandlung bei der HIV-Prävention verstärken können, während die Wirksamkeit einer ausschließlichen psychotherapeutischen Behandlung Schwankungen unterliegt. Abstinenzorientierte Therapieformen zeitigten im Hinblick auf die HIV-Prävention bei den Patienten gute Ergebnisse, die über drei oder mehr Monate hinweg behandelt wurden (Farrell et al., 2005).

Beobachtung der Ausgabe von Methadon

Methadon ist eine in Anhang I des Einheitsübereinkommens der Vereinten Nationen über Suchtstoffe von 1961 aufgeführte kontrollierte Droge, deren jährlicher Verbrauch in den einzelnen Ländern durch das INCB überwacht wird.

Einer Mindestschätzung der EBDD zufolge haben im Laufe des Jahres in den EU-Mitgliedstaaten sowie in Bulgarien, Rumänien und Norwegen mehr als 500 000 Patienten eine Substitutionsbehandlung erhalten (siehe Tabelle 4 im Jahresbericht 2005). Lediglich in der Tschechischen Republik und Frankreich findet den Berichten zufolge die hochdosierte Buprenorphintherapie am häufigsten Anwendung, während in allen anderen Ländern bei 90 % der Substitutionsbehandlungen Methadon eingesetzt wird.

85 % des weltweiten Methadonkonsums entfallen auf die EU und die USA, wobei der Verbrauch in diesen Ländern im Laufe der letzten zehn Jahre kontinuierlich gestiegen ist. Der Konsum hatte sich in beiden Gebieten zwischen 1997 und 2000 stabilisiert, ist jedoch seitdem in den Vereinigten Staaten deutlich gestiegen. Derzeit ist der Methadonkonsum in der EU etwa halb so hoch wie in den USA (185).

In der Regel steigen die Konsumzahlen im Anschluss an die Einführung dieser Therapieform auf Landesebene erheblich an. Beispielsweise hatte in Frankreich die umfassende Einführung der methadongestützten Substitutionstherapie im Jahr 1995 einen sprunghaften Anstieg des Konsums von 31 kg im Jahr 1995 auf 446 kg im Jahr 2004 zur Folge.

In jüngster Zeit sind in den Statistiken für Dänemark, Spanien, Malta, die Niederlande und möglicherweise Deutschland Anzeichen für eine Stabilisierung des Methadonkonsums zu erkennen. Dies entspricht den gemeldeten Tendenzen bei der Zahl der in Behandlung befindlichen Patienten (siehe Kapitel 2).


(159) Siehe „Interpretation der Sicherstellungen und anderer Marktdaten“.

(160) Dies ist zu überprüfen, sobald die fehlenden Daten für das Jahr 2004 vorliegen. Für Irland und das Vereinigte Königreich lagen für 2004 weder Daten zur Zahl der Sicherstellungen noch zu den sichergestellten Mengen von Heroin vor. Für die Niederlande lagen für 2004 keine Daten zur Zahl der Sicherstellungen von Heroin vor. Für die Ermittlung von Schätzwerten wurden die fehlenden Daten für 2004 durch Daten aus dem Jahr 2003 ersetzt. Die von den Niederlanden bereitgestellten Daten über die 2004 sichergestellten Mengen waren lediglich Schätzungen, die nicht in die Analyse der Tendenzen für 2004 einbezogen werden konnten.

(161) Siehe Tabelle SZR-7 im Statistical Bulletin 2006.

(162) Siehe Tabelle SZR-8 im Statistical Bulletin 2006.

(163) Siehe Tabelle PPP-2 im Statistical Bulletin 2006.

(164) Dabei dient in allen Ländern das Jahr 1999 als Basisjahr für den Geldwert.

(165) Für den Zeitraum von 1999 bis 2004 waren in den folgenden Ländern Daten über die Heroinpreise für mindestens drei aufeinander folgende Jahre verfügbar: für braunes Heroin in Belgien, der Tschechischen Republik, Spanien, Frankreich, Irland, Luxemburg, Polen, Portugal, Slowenien, Schweden, dem Vereinigten Königreich, Bulgarien, Rumänien, der Türkei und Norwegen; für weißes Heroin in der Tschechischen Republik, Deutschland, Frankreich, Lettland und Schweden; für nicht spezifiziertes Heroin in Litauen und dem Vereinigten Königreich.

(166)  Diese Angaben entsprechen den Daten aus zwei unterschiedlichen Beobachtungssystemen (siehe Tabelle PPP-6 (Teil iii) im Statistical Bulletin 2006); die Angabe von 50 % basiert auf nur einer Stichprobe und ist somit mit Vorsicht zu interpretieren.

(167) Siehe Tabelle PPP-6 im Statistical Bulletin 2006.

(168) Für den Zeitraum von 1999 bis 2004 waren in den folgenden Ländern Daten über die Reinheitsgrade von Heroin für mindestens drei aufeinander folgende Jahre verfügbar: für braunes Heroin in der Tschechischen Republik, Dänemark, Spanien, Irland, Italien, Luxemburg, Österreich, Portugal, der Slowakei, dem Vereinigten Königreich, der Türkei und Norwegen; für weißes Heroin in Dänemark, Deutschland, Estland, Finnland und Norwegen; für nicht spezifiziertes Heroin in Belgien, Litauen, Ungarn und den Niederlanden.

(169) In Tabelle I des Übereinkommens von 1988 aufgeführt.

(170) Siehe Abbildung PDU-1 (Teil i) im Statistical Bulletin 2006.

(171) Siehe Abbildung PDU-6 (Teil i) im Statistical Bulletin 2006.

(172) Siehe Abbildung PDU-7 im Statistical Bulletin 2006.

(173) Siehe Abbildung PDU-3 (Teil i) im Statistical Bulletin 2006.

(174) Siehe Fußnote (70).

(175) Siehe Abbildung TDI-2 und Tabelle TDI-5 im Statistical Bulletin 2006.

(176) Siehe Tabelle TDI-5 im Statistical Bulletin 2006.

(177) Siehe Tabelle TDI-26 im Statistical Bulletin 2006; Nationale Reitox-Berichte.

(178) Siehe Abbildung TDI-1 im Statistical Bulletin 2006.

(179) Siehe Tabelle TDI-10 im Statistical Bulletin 2006.

(180www.communitycare.co.uk.

(181) Siehe Tabelle TDI-11 im Statistical Bulletin 2006.

(182) Siehe Tabelle TDI-17 im Statistical Bulletin 2006.

(183) Aus Zypern wird seit 2004 über den Einsatz von Methadon in der Entgiftungstherapie berichtet. Ferner wurde die Einleitung eines Pilotprojekts zur methadongestützen Erhaltungstherapie angekündigt, wobei jedoch bisher noch nicht über behandelte Fälle berichtet wurde. In der Türkei ist Methadon offiziell für die Behandlung von Opioidabhängigkeit registriert, jedoch wurden noch keine Behandlungen gemeldet.

(184) Siehe das ausgewählte Thema zu Buprenorphin im Jahresbericht 2005.

(185) Siehe Abbildung NSP-2 im Statistical Bulletin 2006.